MEIN ERSTER URLAUB OHNE DOSENRAVIOLI #4 – MIT JULE MÜLLER AN DIE COSTA BRAVA

JuleMueller (5 von 7)

Es war 1998, ich war 16 Jahre alt und saß im Bus Richtung Costa Brava. Das war in Spanien, so viel wusste ich, und es gabt dort Schnaps und Jungs. Die Fahrt ins Glück war leider elendig lang. In meinem Tagebuch von damals liest es sich so.

„Ich frage mich, warum diese Sitze den luxuriös anmutenden Namen ‚Schlafsessel‘ tragen dürfen, wenn der Winkel der Rückenlehne auch nach dem Zurückklappen noch ein rechter ist. Und dann darf man sich hier noch nicht mal die Kante geben. Wenn wir angekommen sind, stelle ich mich proaktiv vor den Bus und exe eine ganze Wanne Sangria. Geil.“

Als wir irgendwann dann doch in Spanien eintrudelten, stieg jemand namens Koks Piet Klocke in den Bus und erklärte uns, dass unser Hotel in Lloret de Mar niedergebrannt sei und wir deshalb in Calella wohnen würden. Durch die Reihen fegte ein Orkan der Entrüstung.

„Calella? Nie gehört! Da kann man bestimmt gar nicht Saufen! Ich will mein Geld zurück!“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter gezahlt hatte. Ich war ja noch in der Schule und mein Einkommen betrug Taschengeld plus Erträge von Kasse 14 bei Real in den Borsighallen. Also nicht viel. Das Zimmer, in das Koks Piet Klocke uns steckte, war unter aller Sau. Das sahen auch die anderen Neuankömmlinge so. Über einem ersten Feinschmeckerdrink im Innenhof verbrüderten wir uns – gegen den Reiseveranstalter und für mehr Spaß. Was mir anfangs noch wie ein Haufen prolliger Ossis vorkam, wurde schnell immer sympathischer.

„Diese Diana machte mich voll blöd an. Ich pöbelte zurück. Wir waren dann zwar beide etwas eingeschnappt, aber nach einem großen Schluck Sangria-Gin-Mischung aus dem Fünf-Liter-Wasserkanister kriegten wir uns wieder ein.“

Wir kauften uns einen aufblasbaren Swimmingpool und tauften unser neues Zuhause Melrose Place. Fürs Baden kassierten wir 100 Peseten, die die Leute bereitwillig im Wasser hinterließen. Jeden Abend wurde das Geld herausgefischt und in Gemeinschafts-Barcadi umgesetzt. Ich kümmerte mich damals schon gerne um meine Lieblinge.

„Von Fabian bekam ich feierlich den Namen ‚Knuffeltrude‘ verliehen, weil ich so fröhlich bin.“

Nur Gott weiß, was wir uns Ende der 90er mit unseren Frisuren und Accessoires dachten. Mein Lieblings-Shirt zeigte Tweetie den Vogel, an meinem Arm prangte eine gelbe Baby-G aus durchsichtigem Plastik. Ich trug außerdem eine Art blondierten, kurzen Bob, den ich mir jeden Morgen zu einem unvergleichlichen Look toupierte.

„Abends stand Poolparty auf dem Plan. Ich hatte mir fest vorgenommen, auf keinen Fall ins Wasser zu gehen, weil mein Frisör gesagt hat, dass blondierte Haare durch den Chlorgehalt grün werden. Da Sangria umsonst war, schüttete ich ordentlich was hinter. Natürlich wurde ich dann doch von so einem Arsch  in den Pool geschmissen. Als Koks Piet Klocke nackt hinterhersprang, gingen wir zurück zum Melrose Place. Meine Haare wurden übrigens nicht grün.“

Wir feierten im Galeon und im Red Planet. Nachts saßen wir am Strand oder um unseren Pool herum. Tagsüber schliefen wir. Wir hörten Ghetto Superstar von Pras. Essen war überbewertet. Ich ließ mir unheimlich viele Drinks ausgeben, ließ aber niemanden ran, weil ich das unerhört fand. Beim Wort „Sex“ musste ich schließlich noch immer kichern.

„Slaven-Kalle stresste im Galeon voll ab. Ich ließ mir trotzdem eine Cola von ihm spendieren. Dann wollte er mit mir tanzen. Igitt. Als das Galeon um sechs Uhr zumachte, gingen wir nach Hause. Dort war die Party schon wieder am laufen. Als die meisten schlafen gegangen waren, machte ich mit Grinsekatze und Schweda Nudeln, die der besoffene Piercie (sieben Piercings!) dann runterschmiss. Na toll. Als Entschädigung erzählte er uns von seinem ersten LSD-Trip.“

Wahrscheinlich war es der Alkohol, aber ich liebte diese Mensc hen. Wer auch immer sie waren – für zehn Tage wurden wir beste Freunde, die alles teilten, die auf sich aufpassten, die nicht schlafen wollten, weil das Leben einfach zu schön war. So viel Liebe und Euphorie hatte ich selten zuvor verspürt. Es war wundervoll. Ich wollte es nicht aufgeben.

„Am Tag der Abreise machte ich den Melrose-Place-Pool platt und fand es sehr symbolisch, wie die Luft so aus dem Ventil strömte. Ich wollte nicht nach Hause und schon gar nicht wieder in die Schule.“

So chaotisch wie die Reise begonnen hatte, endete sie dann auch.

„Nach drei Stunden Warterei am Abfahrtsort fing ich langsam aber sicher an, mich mit Sangria volllaufen zu lassen. Nach vier Stunden kam der olle Bus endlich angekurvt. Fabian sprang sofort auf und fragte den Busfahrer, warum er so lange gebraucht hatte. Dieser meinte, dass er froh sein könne, wenn er überhaupt mitgenommen würde. Als Fabian dann so was wie ‚Wichser‘ sagte, nahm der Busfahrer eine Plastiktüte mit einer Bierflasche drin und zerschlug diese auf Fabians Kopf! Das muss man sich mal vorstellen!!! Dieser blieb bestimmt nur so ruhig, weil er gerade auf Bewährung ist.“

Ich sah in diesem Urlaub mein erstes Koks, ich hatte eine Schusswaffe in der Hand, ich war zehn Tage am Stück betrunken, begutachtete verschiedenste Penisse und kotzte mehrfach in Mülleimer. Oder kurz:

„Ich nahm zwei Kilo ab. Es war der schönste Urlaub meines Lebens.“

Jule Müller ist heute keine Reiseleiterin mehr. Auf ihrem fantastischen Blog erfahrt ihr wissenswertes über Datingbörsen, Pickel und Rapmusik. Ihr erster Roman erscheint noch in diesem Jahrzehnt und wird ein durchschlagender Erfolg.

zurück zur Startseite

Du magst diesen Text? Sag's gern deinen Freunden:

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

Uns vergnügen Kommentare. Schreib uns doch was: