ARTVERGNÜGEN #21 - Über die Kunsthighlights der Woche und einen Ausflug nach Karlsruhe
Ich reise jetzt mit Bahncard 50. Ausschlaggebend war der Wunsch nach spontanen Ausflügen zu Eltern und Freunden, Natur- und Kulturlandschaften. In dieser Ausgabe vom ARTVERGNÜGEN geht es passend recht digital und mobil zu. Angefangen mit den Kunsthighlights in Berlin, nehme ich euch am Ende mit ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie nach Karlsruhe.
„Reflecting on Networks“ bei km temporaer
In „Reflecting on Networks“ geht es um künstlerische Strategien unter Einsatz des digitalen Mediums. Das heißt im Fall Aram Bartholl's eine Übersetzung digitaler Symbole ins Analoge. So spickten Google-Maps Location-Flaggen den Stadtraum (2006-12). Neulich wurden unter seiner Anweisung die knapp werdenden Masken der weltweiten Anonymous Bewegung gebastelt. Ein weiterer Repräsentant ist Interface-Artist Johannes P. Osterhoff. Sein Tool und Objekt ist ebenfalls Google. Im Rahmen der tm.12 produzierte er eine fortlaufende Dokumentation aller Google-Suchaktivitäten der Besucher. Das sieht so aus. Noch bis 29. Juni 2013 läuft ein einjähriges Live- Performanceprojekt namens iPhone live, dieses Mal ist dies die Dokumentation all seiner iPhone-Aktivitäten. Beim Drücken des Home-Buttons wird ein Screenshot der aktuellen laufenden App erstellt. Wer es nicht zur Präsentation am Sonntag schafft, kann den Verlauf auch online mit verfolgen. Viele weitere Video Installationen, Digital Drawings und Digitale Collagen bekommt ihr im km zu sehen. Nach dem ZKM Erlebnis ein weiterer spannender Versuch auszustellen, was sich der kontext-isolierten Repräsentanz eigentlich entzieht.
bis 11.November
km temporaer : Kremmener Straße 8
Mi – Fr, 16 – 19 h | Sa – So 12 – 19 h
„Shaded Windows“ am Pavillion am Milchhof
Hängt bei euch zu Hause auch noch der Schattenschnitt eures 5-jährigen Ichs? Anlass für die Frage nach diesem elterlichen Zwangsverhalten bietet Sharon Paz' Projekte, deren sich wiederholendes Stilmittel eben jene schwarzen Silhouetten sind. In „Shaded Windows“ fügen sich erneut vertraute, triviale und anstößige Alltagsszenen mit Bildern unserer Menschheitsgeschichte zu einer gemeinsamen Video-Performance-Collage zusammen. Als Bühne dient die Fassade des Pavillion am Milchhof. Bespielt wird die gesamte Fassade durch Projektion (Außenfassade) und Performance (hinter den Fenstern). Das sieht dann ungefähr so aus. Der Voyeurist in euch wird euch leiten.
von 10. – 30.November 2012
Pavillion am Milchhof: Schwedter Straße 232
Öffnungszeiten: 24/7
Eröffnung: Freitag 09.11., 20 h | Performance, Samstag, 17.11., 20 h | Closing: Freitag, 20.11, 20 h
„Believers“ in der KOW Galerie
Ebenfalls am Freitag eröffnet die Gruppenausstellung „Believers“ in der KOW Galerie. Mit „(d)as Recht auf Blasphemie sollte ein Menschenrecht werden“ beginnt die zugehörige kuratorische Stellungnahme. „Believers“ verspricht eine künstlerische Auseinandersetzung mit Glaubensfreiheit, der Repräsentanz von Religion in der Popkultur und anderen politischen Machtgeflechten.
Gezeigt werden Arbeiten aus dem Bestand sowie neu produzierte von Joseph Beuys, Pussy Riot, Christoph Schlingensief und Santiago Sierra um nur mal die bekanntesten Namen zu nennen.
bis 03. Februar
KOW Galerie: Brunnenstraße 9
Eröffnung, 09. November , 18 h
Mi – So, 12 – 18 h
(Cholorierte Fotografien von Alice Creischer)

Chains im The Horse
Am Sonntag ereilte mich noch der euphorische Tip meiner Freundin Svenja, deren fachkundigem Urteil sich stets zu folgen lohnt. „Sobald man das schwere Eisentor geöffnet hat und in den Hinterhof tritt, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf dem gleichen Pfad wie damals die Pferde, läuft man eine Rampe empor. Es eröffnet sich eine thematisch ortsbezogene mannigfaltige Gruppenausstellung mit 55 Positionen, wie Julian Göthe, Anselm Reyle, Alicija Kwade und Uwe Henneken. Toll!“
bis 14.November
The Horse: Boxhagenerstraße 93
Besichtigung auf Terminvereinbarung, [email protected]
Orte dich ich immer mal besuchen wollte: Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM)
Das ZKM Karlsruhe, Deutschlands größtes Zentrum für Kunst und Medientechnologie, beherbergt das Medienmuseum und das Museum für Neue Kunst, darüber hinaus diverse Kunst-, Musik-, Akustik- Institute und eine umfangreiche Mediathek. Eigentlich ist die jeweils aktuell laufende Ausstellung bei dem permanenten Angebot egal, glücklicher ist aber der, der Glück hat. Gleich nach Ankunft tauche ich im ZKM_Subraum in die grandiose Licht-und Soundskulptur resonate von Studenten der Uni Mainz ein. Mit Schwarz- und LED-Lichtern ausgeleuchtet durchziehen, sich zu sieben Interaktionskörpern gruppierende, flexible Klangsaiten den verdunkelten Raum. Wer die Gummibänder zupft verändert die Soundscape des Raumes. Ein schwacher Trost zum selbst spielen ist dieses Video.
Im Vorhof kündigt eine imposante Skulptur aus antiquierten Lautsprechern die Ausstellung „Sound Art.Klang als Medium der Kunst“ an. Mit fast schon übertrieben vielen Künstlerprojekten im Innen-und Stadtraum zeichnet das ZKM die Geschichte der Klangkunst des 21. Jahrhundert ab. Ich erinnere mich zurück an ein Uniseminar in dem C.D. aus Seattle einst Kanye West als den kreativsten Musiker aller Zeiten huldigte, ihn definierte als die Benchmark der Kreativität. Keine Frage: ich liebe Kanye's Musik. Ich behaupte aber dass besagte C.D. die Messlatte für Kreativität zu tief ansetzte, zumindest wenn man auch Sound Art, ihre Produktions- und Ausgabemethoden in die Betrachtung musikalischer Kreativität einbezieht. Und dann erst wird auch das ambitionierte Unterfangen, diese in den Ausstellungsraum zu bringen, deutlich. Der fast schon Organ-zerschmetternde Effekt des Berghain-Soundsystems an einem CTM Konzertabend – wie soll das in einer Ausstellung funktionieren?
Das „Sonic Bed“ von Kaffe Matthews (2005) schafft's fast, wenn auch wesentlich subtiler. In den Bettrahmen sind Lautsprecher eingelassen, sonore Frequenzen kriechen durch meinen Körper. Im nächsten Raum, Edwin van der Heide's „Sound Modulated Light 3“ (2007), generiere ich mit einer Art digitale Wünschelrute durch Rückkopplung, also durch meine Annäherung und Entfernung von im Raum verteilten Glühbirnen, unterschiedliche Soundspuren. Das Zentrum der Ausstellung macht „SoundART“, eine Art musikalischer Augmented Reality-Zeitstrahl, aus. In verschiedenen Kapiteln wie musique concrete, radiokunst und noise sind den QR Codes Soundfiles und Abbilder der jeweiligen Schwingungsgraphen hinterlegt, die ich mit iPad und Kopfhörer ablaufe. Daneben kuratiert das „Broken Music Archiv“ aus Berlin Hörstationen aus europäischen Archivbeständen und das „Unheard Avant-gardes“- Forschungsprojekt versucht verloren geglaubte skandinavische Medienkunst wieder in den aktuellen Diskurs zurückzuführen. Dann noch ein bisschen Twittersonifikation, Archivbestände der Fluxus-Bewegung, die obligatorische Partitur des legendären 4'33'' des John Cage. Rundumschlag. Erschlagen. Ihr habt nichts verstanden? Hier der Film zur Ausstellung.
resonate und Sound Art noch bis 06.01.
ZKM: Lorenzstraße 19, Karlsruhe
Mi−Fr 10−18 h | Sa−So 11−18 h | Mo−Di geschlossen
Eintritt pro Museum: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Kombiticket Medienmuseum und Museum für Neue Kunst: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro
resonate im ZKM | Subraum, Eintritt frei
Ein Projekt, das Peter Weibel, den Kurator des Zentrums, zum Exponat macht und den ich bei der transmediale 2012 sehen durfte, muss ich an der Stelle unbedingt erwähnen. In "Führung" dokumentiert Rene Frölke die Begehung der angrenzenden Karlsruher Hochschule für Gestaltung durch besagten Weibel, den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler und den Philosophen Peter Sloterdijk. Ein herrliches Macht-Balzverhalten. Volkswirt Köhler versucht Kunst zu verstehen, während Sloterdijk und Weibel mit „lächerlicher Bereitwilligkeit … im Angesicht der Macht dieses Sprachspiel“ versuchen mitzuspielen. Und so wandelt sich die gähnende Langeweile, die schon der kurze Trailer ahnen lässt, bald in eine sch(m)erzhafte Komödie.
